Presse / Artikel vom 14.03.2004
Der Schnitt zum Glück
Früher hat Manfred Hansel gedacht, den Unterschied zwischen Sommer und Winter zeige das Thermometer an und sonst nichts. Die kalte Zeit hat er ertragen und die warme genossen, wie der gemeine Mitteleuropäer es gewöhnlich tut. Heute wird Hansel unruhig, wenn er Mitte März zum Himmel blickt und Schneewolken treiben sieht. Er findet es „unerträglich", wenn er im Frühjahr durch weißen Matsch stapfen muss. Hansel wartet auf die Sonne wie ein Bär in seiner Winterhöhle. „Ich unterscheide die Jahreszeiten jetzt nach dem Lebensgefühl", sagt er. Wer ihn zu Hause besucht, begreift sofort, was er meint: Manfred Hansel hat einen Garten. Er ist, das haben Fachleute bei einem Wettbewerb herausgefunden, der schönste Garten Sachsens.
Im März ist die Pappritzer Schönheit noch nicht geboren. Den Schwimmteich bedeckt eine Plane, der japanische Etagenschneeballstrauch ist genauso kahl wie das Apfelbäumchen, die Platanen sehen aus wie zerfetzte Regenschirme. Das ist die Zeit für den Gärtner, Geburtshelfer zu werden. Und Streithahn. „Wieso haben Sie den Wein nicht beschnitten, wo soll der denn hinwachsen?, motzt der Nachbar über den Zaun. „Sie vergewaltigen die Natur mit ihrer Gartenschere", keift es zurück. „Schneiden oder wachsen lassen" heißt die Frühjahrsfrage, und sie macht aus unauffälligen Laubenpiepern aufgeregte Glaubensstreiter. Manfred Hansel ist kein Schrebergarten-Ideologe, sondern Gärtner und Landschaftsbauer. Und er hat keinen Nachbarn hinter seiner Natursteinmauer. Er bleibt ganz ruhig. „Der Mensch muss eine Beziehung eingehen zu seiner Pflanze. Er muss sich auf sie einlassen." Und einfach beobachten, ob ihr ein Schnitt gut tut. „Pflanzen kann man nicht vergewaltigen. Man kann sie aber erziehen." Am besten gelingt die Erziehung, wenn der Baum in einer Schule aufwächst, wie ein Kind. In der Baumschule gewöhnt er sich an das stetige Trimmen auf die gewünschte Form. ZumBeispiel die Platanen von Manfred Hansel. Sie sehen im Sommer aus wie breitkrempige Pilze. Weh taten ihnen die so genannten Erziehungsschnitte nicht, sagt Hansel.
Wenn die Sonne später im Jahr auf die Terrasse brennt, nehmen er, seine Frau und seine beiden Kinder unter den Riesenpilzen ein schattiges Frühstück ein.
Jetzt, wenn kein starker Frost mehr zu erwarten ist, legt der preisgekrönte Landschaftsgärtner Hand an. Mit dem Daumen am Ginsterblatt sieht er aus wie ein Arzt, der einem Patienten den Puls fühlt. Manfred Hansel tastet und biegt und streichelt. Er kratzt mit dem
Daumennagel ein Stück Pflanzenhaut ab und sieht, dass in der winzigen Wunde alles hellgrün und saftig schimmert. Der Ginsterbusch lebt also und muss nicht operiert werden. Wären die Triebe brüchig und braun, hätte Manfred Hansel die Gartenschere gezückt. Das Tote soll dem Leben keine Last sein. Bei Sträuchern und Bäumen greift Hansel zur Säge, wenn sich die Triebe aneinander wundscheuern. Dabei achtet er darauf, wohin die Knospen unterhalb der Schnittstelle zeigen. In diese Richtung wird der Strauch austreiben.
Manfred Hansel hat sich Natur ans Haus geholt.
Zumindest seine persönliche Vorstellung von Natur. Draußen hinter der 'Mauer stehen Apfelbäume, die ganz anders aussehen als der in seinem Garten. Buschiger, wilder. Sie werden im Sommer sehr viele, sehr kleine Äpfel ins Gras fallen lassen. Weil die Bäume auf Menschengeschmack keine Rücksicht nehmen und sich einfach nur vermehren wollen. Der Gärtner beißt lieber in wenige, dafür dicke, saftige Äpfel, an denen noch keine Wespe genagt hat. Seine Welt ist nicht natürlich, sondern vollkommen. Wenn die Nächte lau werden, wird er in seinem Baumhaus schlafen. Mitten im Duft des blühenden Jasmins.






